Wenn jemand über viele Jahre verfälschtes Material (z.B. relativ wertlose Marken mit gefälschten Aufdrucken und Prüfstempeln zu teuren Raritäten scheinbar aufgewertet) in den Philatelie-Markt einschleust, dann ist das, was nun kommen kann, eine Lawine von kaum vorhersehbarer Auswirkung. Es ist derzeit vielleicht erst die Spitze des Eisberges, dessen wahre Ausmaße man wohl erst in der kommenden Zeit sehen kann. Was nun auf so manche zukommt, die die Ratschläge der BDPh-Verbandspublikation „philatelie“, seit 1996 vielfach veröffentlicht, nicht ernst genommen haben, kann einem die Tränen in die Augen treiben, denn der angerichtete Gesamtschaden ist derzeit kaum zu bemessen.
Dank der Genehmigung der Staatsanwaltschaft Darmstadt und der genehmigten Mithilfe des Sachverständigen Christian E. Geigle liegen der philatelie-Redaktion die Fülle der Falschstempel vor. Im Prozess in Darmstadt – philatelie berichtete hierzu in Ausgabe 552, S. XX – spielte nur eine Auswahl dieser Stempel eine Rolle, nämlich solche, die bei einigen Geschädigten, die in der 46. und 47. Auktion des Auktionshauses „Die Briefmarke“ (Inhaber: Rainer Blüm) 2004 gekauft hatten.
In Wirklichkeit war dies nur eine kleine Auswahl: knapp 15 Prozent der bei einer Hausdurchsuchung sicher gestellten Falschstempel. Diese waren bei weitem nicht das einzige Werkzeug, mit denen meist geringpreisiger gar de facto wertloser Ware der vermeintliche Wertzuwachs verschafft wurde: Entfalzungen und Nachgummierungen machten aus billigem Material teures, selbst Ganzfälschungen (z.B. einer Juventute-Marke aus dem Jahre 1912) sind zu finden.
Der Gewinn war enorm. So zahlte ein Käufer z.B. für diese erwähnte Juventute-Marke, natürlich geprüft Georg Bühler und wunderschön gestempelt, 377,71 Euro, für einen anderen Juventute-Vorläufer (hier war der Stempel „Schaffhausen 14.XII.12“ falsch, auch das Prüfzeichen Grobe) wurden 1.504,42 Euro angelegt, ein Dritter zahlte für einen Berlin-Schwarz-Aufdrucksatz, gleichfalls geprüft und sauberst gestempelt, gar 878,47 Euro. Natürlich waren auch hier Tages- und Prüfstempel falsch! Keine schlechte Rendite, wenn man an den Einstandspreis für die ursprünglichen Marken denkt, die Massenware oder eben billig sind.
Die Mehrzahl des vom Sachverständigen Geigle identifizierten Verkaufsmaterials lag allerdings in niedrigen, dafür aber sehr gefragten Preisklassen, nämlich zwischen 20 bis 350 Euro. Darunter viele Marken der Inflations- und Nachkriegszeit, die ungebraucht/postfrisch in Mengen vorhanden sind und als Einzelstücke kaum einen nennenswerten Katalogwert haben, gestempelt aber teuer sind.
Nun soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, alle vom genannten Auktionshaus angebotenen Einzellose hätten verfälschte Ware enthalten. Da das Angebot der 47. Auktion der Fa. „Die Briefmarke“ auch viele Lose aus der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkrieges enthielt, wurden stichprobenartig rund 100 Lose geprüft, die allesamt angeblich SCHLEGEL BPP geprüft worden waren. Dem Gutachten ist zu entnehmen, dass von diesen Auktionslosen 65 Marken enthielten, bei denen Aufdrucke und/oder Stempel gefälscht waren, dann natürlich auch das Prüferzeichen. Zwei weitere waren nachgummiert, ein anderes zwar echt, dennoch mit falschem Prüfstempel versehen. Das heißt: Mehr als zwei Drittel der begutachteten Schlegel-geprüft-Lose waren – philatelistisch gesehen – eindeutig Fälscherware!
Der BDPh reagiert Für den BDPh hat sich der Autor W. Maassen umgehend mit der Staatsanwaltschaft und nachfolgend mit dem Sachverständigen in Verbindung gesetzt, um die Stempelabdrucke vor Vernichtung zu sichern. Grund dazu gibt es genug, denn die Mehrzahl dieser Ware ist noch unerkannt in Umlauf. Bisher ist eben nur die Spitze des Eisberges zu sehen, also die wenigen Lose, die von Christian Geigle identifiziert wurden. Es wurden – dies sei hier einmal dahingestellt – ja auch schon in 46 Auktionen zuvor, solches Material angeboten, denn schon 1996/97 hat der Autor Wolfgang Maassen selbst bei Rainer Blüm eingekaufte Ware in Zusammenarbeit mit dem Prüfbüro Schlegel getestet und nahezu allesamt als falsch befunden. Die Testergebnisse wurden damals in der „philatelie“ veröffentlicht und sind hier zusammen mit den Falschstempeln und gefälschten Prüfzeichen – wegen der Fülle des Materials - in mehreren Folgen (alphabetisch nach Orten und Inhalten geordnet) nachzulesen. Der Leser kann nun durch Anklicken/Öffnen der entsprechenden u.a. pdf-Dateien vergleichen, ob er solche Stempel besitzt.
Es stellt sich deshalb die Frage: Wie kann man selbst feststellen, ob man geschädigt ist? Dies ist leicht möglich, indem man erst einmal prüft, bei wem man in den letzten zehn Jahren die in der Dokumentation aufgeführte Ware und vergleichbares gekauft hat. Sollte man selbst Kunde bei dem Auktionshaus „Die Briefmarke“ gewesen sein, empfiehlt sich der direkte Abgleich mit den angebildeten Stempeln. Im „Positivfall“ ist der Weg zu einem Prüfer ratsam und anschließend – sofern man Mitglied im BDPh ist – die Vorlage an die Bundesstelle Sammlerschutz (RA Kaiser), der Auskunft geben kann, ob hier noch nachträglich Haftung und Regress möglich ist.
Eine große Menge des Materials könnte auch den Weg über andere Kanäle (z.B. Angebote im Internet, Angebote bei anderen Auktionen) gefunden haben, d.h. vom ursprünglichen Besitzer längst wieder abgegeben worden sein. Hier empfiehlt sich der gleiche Weg des Abgleichs und der Prüfung. Es gilt auch zu beachten, dass das genannte Auktionshaus zumindest noch bis August 2006 weitere Auktionen durchgeführt hat. Bei Durchsicht des Kataloges vom 8. August 2006 fiel dem Autor W. Maassen auf, dass viele ähnliche Positionen enthalten sind wie die, die 2004 sichergestellt wurden. Allerdings wurden diese nicht mehr als „geprüft ...“ angeboten! Ob sie deshalb aber nun alle echt sind, kann nur eine Nachprüfung des Käufers ergeben. Auch dies kann nur empfohlen werden.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob und wie viele Geschädigte den Weg des Rechts suchen, ihren eigenen Schaden auch als Chance verstehen, mit und dank der Hilfe der Fachliteratur sowie anerkannter Experten Philatelie als das zu begreifen, was jedem Sammelgebiet immanent ist: Höhen und Tiefen, Tücken und Freuden. Der neue BDPh-Kompass für Sammler „Augen auf bei Kauf und Tausch“ bietet dazu künftige Hilfestellung, zumal sich alle Leser aktiv mit ihren Erfahrungen mitbeteiligen und einbringen können. Wolfgang Maassen
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